Interview mit Verena Bentele zum Thema barrierefreies Reisen

Urlaub Einschränkungen“ wird im Tourismus zunehmend als Qualitätskriterium angesehen.Von barrierefreien Angeboten profitieren alle, auch Verena Bentele. Von Geburt an blind, verbrachte sie ihre Kindheit in einem Sechs-Häuser-Dorf am Bodensee. Ein starker Wille und unendlicher Ehrgeiz zeichneten Verene Bentele von Kindesbeinen an aus.

Frau Bentele, Sie reisen viel und gerne, waren auf dem Kilimandscharo und als erster blinder Mensch auch auf dem Mount Meru. Wie orientieren Sie sich in einer neuen Umgebung?

Für meine Orientierung gibt es einerseits den Blindenstock als wichtiges Hilfsmittel. Mit ihm erkenne ich Stufen, Schilder und andere Hürden, die mir im Weg stehen. Andererseits ist natürlich auch meine Assistenz wichtig; beispielsweise bei Dienstreisen habe ich eine Arbeitsassistentin dabei, die mit mir den richtigen Bahnsteig findet, mich zum Konferenzraum begleitet oder mir Räumlichkeiten beschreibt, in denen ich Vorträge halte. Wenn ich privat verreise, dann bin ich meist mit Freunden unterwegs, die mir in einer Stadt oder in der Natur viel beschreiben, die mit mir Rad fahren, Ski laufen oder die das Auto steuern.

Wie bereiten Sie sich auf eine Reise vor? Treffen Sie spezielle Vorkehrungen oder haben Sie einen Fragenkatalog, den Sie vorab mit touristischen Anbietern klären?

In meinem Fall gilt es zu klären, dass das Zimmer im Hotel leicht aufgefunden werden kann. Außerdem kläre ich ab, ob ich an allem teilnehmen kann. Beispielsweise bei Bergbesteigungen ist vorher abzuklären, ob der Bergführer mich mitnimmt. Bei Rollstuhlfahrern gibt es jedoch deutlich mehr und andere Dinge abzuklären. Ist die Tür ins Badezimmer auch für einen Elektro-Rollstuhl breit genug? Welche Höhe hat das Bett? Können alle Räumlichkeiten ohne Treppen erreicht werden? Hier wünsche ich mir deutlich transparentere Informationen der Leistungsanbieter.

Es ist anzunehmen, dass das vorhandene Reiseangebot für Menschen mit Handicap deutlich größer ist, als man – aufgrund der vorhandenen Informationen vermuten könnte. Wie denken Sie darüber bzw. was sind Ihre Erfahrungen?

Ich denke, dass es bereits einige gute Angebote für Menschen mit und ohne
Behinderung gibt. Schon 2005 hat der DEHOGA Mindeststandards vereinbart. Aufgrund der immer mehr älteren Menschen benötigen wir jedoch meines Erachtens noch viel mehr Reiseangebote, die auch eine Hilfestellung im Bereich Mobilität oder Informationen in leichter Sprache beinhalten. Neben Menschen mit einer Behinderung profitieren auch Senioren und Familien von barrierefreien Angeboten.

Die Standards in puncto Barrierefreiheit sind von Land zu Land stark unterschiedlich. Gibt es aus Ihrer Sicht ein Best Practice Beispiel?

Nicht einzelne Länder, aber einzelne Einrichtungen tun sich hier hervor. So gibt es Restaurants mit Speisekarten in besonders kontrastreicher und auch in Brailleschrift für Menschen mit Sehbehinderungen. Eine Beschilderung und Bodenleitsysteme können ebenfalls sehr hilfreich sein. Und Hotels können sich durch induktive Höranlagen, Blinksignale etwa am Telefon, einem abgesenkten Counter an der Rezeption oder taktile Handläufe auszeichnen. Der barrierefreie Zugang zum Gebäude ist immer erst der Anfang.

Hand aufs Herz – wie groß sind Ihrer Erfahrung nachdie Barrieren in den Köpfen der Menschen gegenüber Personen mit Handicap?

Es gibt natürlich immer noch viele Barrieren in den Köpfen. Um diese zu beseitigen, müssen wir noch viel investieren, und ich weiß, dass sich jede Anstrengung lohnt. Gemeinsame Erfahrungen wie beispielsweise Reisen helfen schon sehr, um diese Barrieren zu beseitigen. Nur wenn Menschen mit und ohne Behinderung sich kennen, wird das Verständnis wachsen.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die das Leben leichter machen. Haben Sie Ideen, mit welchen Kleinigkeiten und ohne hohe Investitionskosten touristische Betriebe Gästen mit Handicap das Reisen erleichtern könnten?

Erst einmal werbe ich dafür, dass Informationen besser kommuniziert werden. Dann erleben Nutzer keine unangenehmen Überraschungen und wissen, worauf sie sich einlassen. Dann sind oft auch Kleinigkeiten entscheidend: Ich zum Beispiel als blinde Hotelbesucherin wünsche mir, dass an den Türen die Zimmernummer mit Brailleschrift angeschrieben wird, so verirre ich mich nicht ins falsche Zimmer.

Sie sind in der Welt zu Hause, doch in Bayern daheim. Wo tanken Sie Kraft in der Heimat, was ist Ihr persönlicher Lieblingsplatz?

Ich entspanne mich gut, wenn ich mit dem Rad durch das bayrische
Seenland fahre, wenn ich nach einer langen Rennradtour noch baden gehen und dann im Biergarten sitzen kann.

Quelle: da.by-Magazin 2/2015